Andrei Liankevich – Buchprojekt: Traditionelles Belarussisches Interior

Andrei Liankevich – Buchprojekt: Traditionelles Belarussisches Interior

date
1. Juni 2026
19:00 - 20:30
Zum Kalender hinzufügen (.ics)
location
Galerie nEUROPA
Bautzner Straße 49, 01099 Dresden, Deutschland
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Lesung
Übersetzung: Tina Wünschmann

Spenden sind willkommen.
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Lesung
Übersetzung: Tina Wünschmann

Spenden sind willkommen.

Buchvorstellung und Gespräch mit dem Fotografen über die momentanen Arbeitsbedingungen in Belarus.

„In den letzten 60 Jahren hat Belarus einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. Die rasante Urbanisierung hat das demografische und kulturelle Gefüge des Landes verändert und das traditionelle belarussische Dorf an den Rand des Verschwindens gebracht. Heute leben nur noch 25 % der Bevölkerung auf dem Land, und viele Dörfer sind entweder entvölkert oder ganz verlassen. Dieses Projekt ist für mich von großer persönlicher Bedeutung – es ist tief in den Erinnerungen meiner Kindheit verankert, die ich in diesen verschwindenden Dörfern verbrachte, umgeben von der Wärme der Familie, dem Duft von frisch gebackenem Brot und den Farben traditioneller Textilien, die jeden Winkel des Hauses schmückten. Diese verschwindenden Innenräume sind nicht nur physische Räume, sie sind lebendige Archive der Erinnerung, des Erbes und der Tradition. Sie sind die Essenz einer Welt, die mich und unzählige andere geprägt hat, einer Welt, die nun vor unseren Augen verblasst.

Bei diesem Projekt geht es um mehr als nur die Dokumentation des ländlichen Niedergangs. Es geht um Gefühle. Es gründet in den Emotionen der Kindheit und in der bittersüßen Nostalgie, Orte wiederzusehen, die sich einst lebendig anfühlten, voller Wärme und Verbundenheit. Es geht auch um die Gefühle von Verlust und Hilflosigkeit, die entstehen, wenn man dieses Verschwinden im Laufe der Zeit beobachtet. Durch ein leeres Dorf zu gehen, nichts als den Wind zu hören, bedeutet, die Last dessen zu spüren, was verloren geht – nicht nur Orte, sondern auch das Gewebe dessen, was uns als Menschen ausmacht. In diesem Projekt steckt Trauer, aber auch Liebe – ein tiefer Respekt für die Leben und Traditionen, die diese Räume geprägt haben.

Immer wenn ich eines dieser Häuser betrete, spüre ich die Gegenwart meiner eigenen Großeltern – derer, die bereits verstorben sind. Die Stille dieser Häuser ist bedrückend, erfüllt von den Echos eines Lebens, das einmal war. Ich erinnere mich an die Hände meiner Großmutter, abgenutzt und stark, die bis spät in den Abend hinein Handtücher bestickten, und an meinen Großvater, der Geschichten erzählte. Ihre Gegenwart erfüllte das Haus, und ihre Liebe und Fürsorge schufen eine Welt, die sich ewig anfühlte. Doch jetzt, wenn ich durch diese leeren oder verfallenden Häuser gehe, spüre ich einen Schmerz in meiner Brust. Meine Großeltern trugen, wie so viele, die in diesen Dörfern lebten, die Traditionen, die Geschichten und die Seele der belarussischen Landschaft in sich. Ihr Verlust fühlt sich nicht nur persönlich, sondern auch kollektiv an – ein Verlust für das Land selbst.

Der Niedergang des belarussischen Dorfes spiegelt globale Trends wider, hat aber auch seine Wurzeln in unserer einzigartigen Geschichte – geprägt von der sowjetischen Kollektivierung, den Zerstörungen im Krieg und den Herausforderungen der postsowjetischen Ära. Diese Dörfer verschwinden nicht nur physisch; sie nehmen die Geschichten, Werte und die Ästhetik einer Lebensweise mit sich, die nicht ersetzt werden kann. Jedes verlassene Haus, jedes weggeworfene Foto erinnert daran, wie zerbrechlich unser kulturelles Erbe tatsächlich ist.

Vor mehr als zehn Jahren, während ich an meinem Buch „Pagan“ arbeitete, begann ich das visuelle Verschwinden des belarussischen Dorfes wahrzunehmen. Die Farben der Häuser und Innenräume, die täglichen Lebensrhythmen und die mit Familienfotos bedeckten Wände verschwanden nach und nach. Fast jedes Haus, das ich besuchte, hatte seine eigene Ikonostase aus Fotos – Bilder von Verwandten, Ikonen, handbestickte Handtücher und Gemälde. An den Wänden hingen Damast- oder bemalte Teppiche. Doch mit dem Ableben der älteren Generation gerät diese visuelle Kultur in Vergessenheit. Kinder und Enkel räumen die Häuser aus und werfen diese Symbole der Erinnerung weg, oder sie renovieren die Häuser nach ihrem Geschmack und löschen die alte Ästhetik vollständig aus. Die lebendige, einzigartige Welt des belarussischen Dorfes verschwindet, und mit ihr ein Stück unserer kollektiven Identität.

Das belarussische Dorf wirkt wie eine Insel, ein zerbrechlicher Archipel, der langsam im Meer versinkt. Aber es ist auch ein Ort von tiefer Schönheit und Widerstandskraft, geprägt von harter Arbeit, der Verbundenheit mit dem Land und der Liebe zu den Menschen.

Dieses Projekt ist meine Art, diese Gefühle festzuhalten und das Wesen einer Welt zu bewahren, die mich und so viele andere geprägt hat. Es erinnert uns daran, dass wir, auch wenn sich die Welt verändert, nicht aus den Augen verlieren dürfen, woher wir kommen.“

Andrei Liankevich

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