Zum Glück hast du dich ansprechen lassen

Illustration: Nadine Wölk

Auf dem Weg nach Columbus musste ich mehrfach umsteigen und schon der erste Flieger kam zu spät. Zufällig saß ein junger Mann neben mir. Routinemäßig gab es irgendwann über den Wolken die übliche Schokolade. Da ich keine esse und mein Sitznachbar extrem schlank ist, habe ich sie ihm angeboten. Ab diesem Moment verquatschten wir den Rest des Fluges. Marcin war auf dem Weg nach Frankreich, ich nach Amerika. In Frankfurt rannten wir beide in unsere Richtungen und haben uns versprochen, Postkarten zu schreiben. Lustig, oder? In diesen Tagen wird im Netz und in den dafür zuständigen Gremien ganz analog viel darüber diskutiert, ob Kinder überhaupt noch Schreibschrift lernen sollen. Doch das ist ein anderes Thema. Unsere Themen waren die Musik, der Sport, die Arbeit und die restliche Flugzeit verging wie im Flug.

Monate später kam seine Einladung an alle Freunde und Bekannte zum Bachelorkonzert. Da war ich auch dabei. Wie schön. Und das Konzert war beeindruckend. Ich wage zu behaupten, dass Bachelors in anderen Disziplinen nicht so viel leisten müssen, um die Abschlussprüfung zu bestehen. Darbietungen in mindestens vier Sprachen, unterschiedliche Stilrichtungen und absolute Bühnenpräsenz. Nach dem Konzert der schönste aller Sätze, nein, nicht: Das Buffet ist eröffnet, sondern: Die Prüfung ist bestanden.
Das Publikum – international, musisch und sehr angenehm. Es hätte mich nicht gewundert, wenn ich die Einzige im Raum war, die nicht singen kann.

Schwarz auf weiß zum nach Hause tragen

Ein paar Tage später hatte ich dann Zeit, sein Programmheft zu lesen. Das gehörte auch zu den Prüfungsanforderungen. Erwartet wird, alle Darbietungen aufzulisten, so wie es auch bei Konzerten üblich ist. Dazu kommt, dass Übersetzungen des Textes und Kurzbeschreibungen zu notieren sind, also Komponist, dessen Geburtsdaten, Musikverzeichnis und die Daten zum Dichter des Textes. Marcin hatte noch die Idee, jeweils eine kurze Reflexion zum Werk und seiner Ausrichtung zu schreiben.

Besonders interessant fand ich allerdings die Abschnitte zu den Biografien der Künstler und die Danksagung. Hier erwähnt Marcin ziemlich weit vorn seine Bühnensprechlehrerinnen, und dass er sehr stolz ist, wenn ihn Fremde fragen, aus welcher Stadt er käme. Das akzentfreie Sprechen ist Marcin so wichtig, dass ich nachfragen musste.

„Es ist sehr wichtig, auf der Bühne akzentfrei zu sprechen, da man vor den Muttersprachlern auftritt und es sie unheimlich stört, wenn der Akzent Sprachmelodie und Satzlogik verzerrt“, sagt er.

Da staunt die Journalistin und die Dozentin wundert sich. Ich höre jeden Tag Akzent in den Kursen und in den jeweils ersten Stunden ist es meine Challenge, heraushören zu wollen, woher der- oder diejenige kommt. Das ist so normal, wie Aufstehen, Tafel wischen oder Atmen, denke ich, während Marcin Puls bekommt. Er denkt an seine unangenehmen Erfahrungen bei Gehaltsverhandlungen für Jobs und ähnlich traumatische Begebenheiten.

Das A und O sind beim Trainieren die Vokale

„Was ich interessant finde, ist, dass man am schwierigsten den Akzent aus den Vokalen rauskriegt.“ Wenn man es geschafft hat, würde man auch viel öfter eingeladen und ernst genommen. Marcins Erfahrungen erschrecken mich. Entschuldigung, hier, wo ganz viele Leute Sächsisch sprechen? Sächsisch salonfähig wie in Luthers Zeiten, als Sächsisch die Quelle der Hochsprache war?
Sprache lernen und Aussprache lernen, sind doch zwei verschiedene Paar Schuh.

Fragen wir Deutschlehrer, ist immer viel zu wenig Zeit für das Trainieren der richtigen Aussprache. Fragen wir Marcin, hat er vier Jahre daran gearbeitet und kaum lernt er seine Freundin kennen, setzt sich das Sächsische unbemerkt gleich mit an den Frühstückstisch und in die Arbeit im Sprechunterricht kommt erneut Bewegung.

Marcin meint: „Akzentfrei zu sprechen, wird bei Businessmeetings, Politik oder auf der Theaterbühne wichtig. Es ist ein Teil des Selbstbewusstseins.“ Unangenehme Zeitgenossen reduzierten Nicht-Muttersprachler auf fehlende Sprachkenntnisse. Echt jetzt?
„Von allen „Sprachprüfungen“, die ich in der Auslandspraxis gemacht habe, fand ich das Streiten unter hohen Emotionen am schwierigsten“, resümiert Marcin und empfiehlt, „man muss es auch lernen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Und es ist äußerst wichtig, den Mut zu haben, immer wieder nachzufragen, auch wenn man etwas viermal nacheinander nicht verstanden hat. Alles lässt sich umformulieren, deutlicher aussprechen oder klarer machen. Das Nicken, wenn man nix versteht, hilft keinem von den beiden. Manchmal hat man auch keine Kraft und Geduld mehr nachzufragen, aber im Allgemeinen sollte man es schon in Richtung Verständigung versuchen.“

So kurz nach bestandener Prüfung heißt es für Marcin, Koffer packen. Für die Sommermonate geht es nach Österreich.
Da schließe ich mich gerne an. Und während wir Muttersprachler in den Rhythmus eines Geschehens hineinkommen oder selbigen aufnehmen, sagt Marcin: „Mein Kopf wird klarer, wenn ich da bin und in den Rhythmus reinschwimme.“

Gut so. Ich habe ein schönes Bild im Kopf.

Rosa Hauch


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