Biografiearbeit in Gorbitz

Am 04. & 18. Juni waren die Dresdner Nachbarschaften zum Biografieworkshop in Gorbitz – Hands on lautet die Parole und das story-telling kann beginnen. 

Text: Falk Goernert · Fotos: Yvonn Spauschus · Illustrationen: Rosa Brockelt

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Der Tisch ist reich gedeckt: Verschiedene Blei-, Filz- und Buntstifte, (Acryl-)Far­ben, Pinsel, Cuttermesser und Scheren, Klebebänder, Tuschen, Aufkleber mit diversen Textbotschaften der Populärkultur und (natürlich) wieder Bücher. Und wie die Fülle an Speisen auf einer langen Tafel zum Kosten einlädt, so wollen alle diese Schreib- und Gestaltungswerkzeuge an diesem sommerlich heißen Samstag in Gorbitz ausprobiert und benutzt werden. Hands on lautet die Parole und das story-telling kann beginnen. 

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Wenn wir sagen, dass der Mensch grundsätzlich (auch) ein Spielender ist (Johann Huizinga), so ist er im selben Atemzug mindestens ebenso ein Erzählender. Und wo sich das Erzählen ereignet, passiert das Erinnern nahezu von ganz allein.

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„Mir ist von dem vielen Erzählen schon ganz trocken im Hals“, meint Frau Thiel. Seit beinahe drei Stunden sitzen wir beisammen. Aus dem „ich“ beim Reden über das Selbst-Erlebte ist schnell ein „wir“ geworden: „So und so haben wir immer gesagt“; „wir waren ARD“; „nur so sind wir an eine neue Wohnung gekommen“… Schnell wird deutlich – hier sitzen nicht nur einzelne Menschen am Tisch, die von ihrer gelebten Vergangenheit erzählen.

Hier äußert sich (vielmehr) auch ein vermeintlich grundsätzlich gemeinsamer Erfahrungsraum DDR. Frau Müller und Frau Thiel haben in ihrem Erzählfluss Fahrt aufgenommen. Kindheit und Jugendzeit ziehen ausschnitthaft vorüber, die Beziehung zu den Eltern, das Lösen aus dem elterlichen Zugriff durch Partnerschaft, Heirat, die ersten Kinder und damit das Recht auf Wohnung.

Neben mir sitzt Inge. Vor ihr liegt ein merklich ausgeweidetes Buch – die Hardcover-Ausgabe eines Unterhaltungsromans aus den frühen 2000er-Jahren. Zudem hat Inge ein Sammelsurium an sogenannten „Minibüchern“ auf dem Tisch um sich ausgeschüttet; darunter u.a.: „Dresden. Von A bis Z“, ein Kochbuch oder ein Witzebuch über den (Fehl-)Umgang mit Computern, typisch Anfang 90er. A4 für A4-Blatt schneidet Inge neue Seiten zurecht, die später Eingang in den freigelegten Buchkorpus finden sollen. Ab und zu schiebt sie eine Witzseite zu mir rüber und schmunzelt mich an, stimmt in das Gehörte kurz ein, korrigierend mit der Anmerkung: „Nein, so habe ich das nicht erlebt“.

Bis das nächste Erinnerungsbild bei einer der Teilnehmerinnen auftaucht, bestimmen Papiergeräusche am Tisch kurzzeitig den Raum. En passant werden alte und aktuelle Gorbitzer Wohnungspläne eingeklebt, mitgebrachte Fotos sortiert und …

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Erzählendes Erinnern für mich und vor Anderen bedeutet immer auch die fortwährende und immer wieder neue Vergewisserung meiner Selbst. Also letztlich auch die Frage, wie bin ich zu dem geworden, als der ich jetzt hier bin – mag diese Spurensuche bewusst oder unbewusst sein. Und dass dieser Akt des Erinnerns und Sprechens stets auch ein kreativer ist, liegt an diesem Samstag buchstäblich auf der Hand. Mit diesem Gedanken im Kopf verlasse ich den Club Passage.

Wir verabschieden uns nun schon vertrauter: „Bis zum nächsten Mal“; wieder mit Augen, Ohren, Händen und Mündern.

Biografieworkshop in Gorbitz
Biografieworkshop in Gorbitz

04.06.2022 · Biografieworkshop in Gorbitz
Club Passage (JugendKunstschule Dresden)

18.06.2022 · Biografieworkshop in Gorbitz
Club Passage (JugendKunstschule Dresden)

Dresdner Nachbarschaften
Damals, Heute, Morgen / Zuhören, Erinnern und Gestalten

In unseren Erzählcafés und Gesprächsrunden, Stadtteilrundgängen und Workshops wollen wir euch ermuntern, Geschichten zu erzählen und Visionen zu entwickeln.

Zeitraum
05-12.2022

Projektbeteiligte
Yvonn Spauschus (Projektleitung)
Anne Ibelings · Moussa Mbarek · Nadine Wölk (Workshopleitung)
Uta Rolland · Rosa Brockelt · Rosa Hauch (Moderation und Dokumentation)

Kooperationspartner:innen
JugendKunstschule Dresden · Omse e.V. · Löbtop e.V. · Quartiersmanagement Prohlis, Johannstadt und Gorbitz · Sigus e.V. · In Gruna leben e.V. · UFER-Projekte Dresden
e.V.

Gefördert durch

Das Projekt wird gefördert vom House of Resources Dresden+