
Schon gewusst, dass man am Valentinstag nicht nur das Fest der Liebe feiern kann, sondern auch den „Tag des Mettbrötchens“? Zur Freude aller einfallslosen Kulturjournalisten in Deutschland scheint es fast an jedem Tag etwas zu feiern zu geben.
Manche Tage werden von den Vereinten Nationen unterstützt. Dass jeder Tag etwas Besonderes sein soll, wünschen sich die Menschen wahrscheinlich schon so lange, wie sie morgens die Sonne aufgehen sehen. Im christlichen Jahresverlauf ist jeder Tag mindestens einem Heiligen geweiht, und jeder Mensch hat einen Namenstag. Im 8. Jahrhundert führte Papst Gregor III sogar den Feiertag „Allerheiligen“ ein, weil es so viel mehr Heilige und Märtyrer gab als Tage im Jahr.
Der „Tag der Muttersprache“ ist vergleichsweise jung. Seit dem Jahr 2000 wird er am 21. Februar gefeiert. Und doch blickt er auf eine ereignisreiche Entstehungsgeschichte zurück. Denn wie man sich denken kann, ist es oft so, dass eine Sache dann gefeiert wird, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist. Und das 20. Jahrhundert war tatsächlich ein Jahrhundert voller Versuche, kleine Sprachen zu reglementieren, zu unterdrücken und auszurotten. Aber auch ohne dass es jemand beabsichtigt, haben es kleine Sprachen – wie in Sachsen das Sorbische – immer schwerer.
Ein Tag entsteht
Die Idee, einen Tag der Muttersprachen ins Leben zu rufen, nimmt ihren Anfang in Indien. In den späten 1940er Jahren gab es im neugegründeten Staat Ostbengalen (heutiges Bangladesch) die Überlegung, Urdu als offizielle Landessprache einzuführen. Urdu wird von vielen indischen Muslimen gesprochen und mit arabischen Buchstaben geschrieben. Problem: Ein Großteil der Bevölkerung sprach gar nicht Urdu, sondern Bengali. Ausgehend von der Universität Dhaka kam es zu Protesten.
Im Jahr 1952 eskalierte die Situation erneut. Urdu sollte zur alleinigen Amtssprache erhoben werden, obwohl es nur für 3 % der Bevölkerung Muttersprache war. Bei Protesten in Dhaka am 21. Februar schoss die Polizei auf Demonstranten; zehn Studierende wurden getötet. Sie wurden zu „Märtyrern der Bengalischen Sprachbewegung“.
Für die eigene Muttersprache sein Leben aufs Spiel zu setzen? Für die meisten Deutschen ist das wahrscheinlich schwer vorstellbar. Die deutsche Sprache hatte zwar immer schon Konkurrenz – im Mittelalter war Latein die Sprache der Gelehrten, Französisch wurde zur Sprache der Adligen, und heute steht man dumm da, wenn man kein Englisch kann. Doch unterdrückt wurde die deutsche Muttersprache – zumindest auf deutschem Gebiet, in Sibirien zum Beispiel sah das anders aus – bislang eigentlich nie.


Vielfalt
Sprachen sollten als Kommunikationsmittel eigentlich etwas sein, das Menschen verbindet – anstatt sie zu entzweien. Manchen Angaben zufolge – je nach Unterscheidung zwischen „Sprache“ und „Dialekt“ – werden in Indien heute noch 1500 Sprachen gesprochen. Selbst wenn es bei strengerer Betrachtung weniger Sprachen sind, bleibt es eindrucksvoll.
Im Vergleich: In Europa gibt es nur 225 indigene Sprachen. Und ja, bevor jemand fragt: der „Europäische Tag der Sprachen“ wird am 26. September begangen. Während es in Deutschland immer wieder Vorstöße rechter Parteien gibt, Deutsch als alleinige Sprache des Landes im Grundgesetz zu verankern, hat Indien gleich 22 offizielle Amtssprachen. Die bekanntesten darunter dürften Hindi, Bengali, Gujarati, Kannada, Kashmiri, Marathi, Nepali, Punjabi, Sanskrit, Tamil und Urdu sein.
Die sprachliche Vielfalt Indiens hat auch mit der Flächengröße zu tun. Wussten Sie, dass ein einzelner indischer Bundesstaat allein, Rajasthan, ungefähr genauso groß ist wie Deutschland und dort auch ähnlich viele Menschen leben?
Der internationale Tag der Muttersprache will die Sichtbarkeit kleiner Sprachen und die Mehrsprachigkeit fördern. Seit den Protesten von 1952 gibt es in Bangladesch mit Urdu und Bengali zwei Landessprachen.
Ein Freund von mir kommt aus Indien, und für ihn ist es ganz normal, dass in seinem Heimatort sieben Sprachen gesprochen werden und jedes Kind alle sieben zumindest verstehen kann.
Birthe Mühlhoff
* in Kooperation mit Kolibri e.V. und Indian Association Dresden e.V.
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Zeitraum
01-12.2025
Projektbeteiligte
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Yulia Vishnichenko · Moussa Mbarek · Nadine Wölk · Rosa Brockelt · Bela Álvarez (Workshopleitung)
Rosa Hauch · Birthe Mühlhoff (Moderation und Dokumentation)
Kooperationspartner:innen
JugendKunstschule Dresden – Standort Passage, Omse e.V., Malteser Hilfsdienste e.V., Montagscafé am Staatsschauspiel Dresden sowie Umweltzentrum Dresden – ABC Tische, Internationale Gärten Dresden e.V, Uniwerk e.V. (Pirna), Buntes Meißen Bündnis Zivilcourage e.V. und viele mehr
Gefördert durch
Das Projekt wird gefördert durch die Heidehof Stiftung GmbH und das Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes im Rahmen des Landesprogrammes Integrative Maßnahmen.

