Eins ist sicher in Gruna: am ENDE ist hier gar nichts

Am 09. September waren die Dresdner Nachbarschaften auf Entdeckungstour in Gruna unterwegs

Text: Uta Rolland · Fotos: Yvonn Spauschus

Der Findlingsbrunnen liegt mitten zwischen Hochhäusern und halbsanierten Flachbauten im Herzen von Gruna. Die großen runden Steine und die asymmetrische Anlage bieten einen willkommenen Kontrast zu den historischen DDR-Bauten rings um den Platz. Das Rauschen des Wassers mischt sich mit den Klängen eines Akkordeons und dem Kreischen eines kleinen Mädchens, das eine Pfütze auf den schiefen Betonplatten zum Planschen nutzt. Der Musiker spielt für eine Gruppe Menschen, die auf Klappstühlen sitzen und die verzauberte Atmosphäre genießen. Der Akkordeonist Steffen stammt von hier und ist ein musikalisches Urgestein, das schon sehr oft im Stadtteil gespielt hat, auch im Rahmen der legendären Brunnenfeste, die es bis Corona gegeben hat.  Heute war er im Rahmen der Nachbarschaftstage da, wurde von einigen Bewohner*innen erkannt und angesprochen.

Ursprünglich hatte der Platz, Altgruna, einen dörflichen Charakter, wie Hannah berichtet. Die junge Frau aus dem Verein In Gruna leben e.V. wird uns heute führen. Sie erzählt, dass die Bebauung in den 80er Jahren entstanden ist. In einem der Hochhäuser, in der 15. Etage, wohnte früher Jan, ein junger Mann und Teilnehmer am heutigen Rundgang. Über die Nachbarschaft kann er allerdings nicht viel erzählen, es wohnte sich eher anonym in dem Haus, das bei aller Planung mehr zufällig entstanden sein soll, da noch Platten von einer anderen Baustelle übrig waren. Von einem lebendigen Stadtteilzentrum ist hier wenig zu spüren – die unsanierte Kaufhalle an der Seite des Platzes macht einen verlassenen Eindruck, die Läden im Boulevardbereich scheinen, abgesehen von Norma, kaum besucht zu werden. Auf dem Weg zum Rothermundpark fallen die Sandsteinplastiken „kämpfende Ziegenböcke“ von dem Dresdner Künstler Wolfram Hesse auf, die 1986 entstanden sind. Es zeigt sich, dass sich Jan gut auskennt mit der Kunst am Bau in DDR-Zeiten.

Neben dem angrenzenden Flachbau, einem Ärztehaus, erzählt Hannah, wie ihr Verein entstand und sich ein heute für die ganze Stadt beispielhaftes Verfahren der Bürgerbeteiligung entwickelte: Das städtebaulich vernachlässigte Gebiet Gruna soll mit Mitteln der Städtebauförderung aufgewertet werden. Dazu initiierte die Stadt 2017 einen Wettbewerb unter Einbezug verschiedener Planungsbüros. Die öffentlich vorgestellten Lösungsvorschläge fanden allerdings keine Zustimmung bei den Anwohnern, unter anderem, weil ein Abriss des Ärztehauses in Betracht gezogen wurde. In einem neuen Anlauf fanden sich Stadtplaner und Bewohner zusammen, um gemeinsam Lösungsvorschläge für die Revitalisierung und Umgestaltung des Stadtteils zu finden, der lebendiger, sauberer, schöner werden soll. Gleichzeitig soll Vertrautes bewahrt werden. In den Jahren 2020 und 2021 wurden  mit Workshops zur Bürgerbeteiligung, einer online-Befragung der Grunaer Bürger und Zukunftswerkstätten Ansätze geschaffen, in dem die Pläne der Stadt mit den Interessen der Bewohnerschaft in einem Prozess des gegenseitigen Vertrauens zusammenfanden. In Gruna leben e.V. unterstützte die Umsetzung mit mehreren thematischen Stadtteilführungen, er ist zur Sammelstelle und zum Sprachrohr für die Akteure im Stadtteil und Ansprechpartner für die städtebaulichen Belange von Seiten der Stadt geworden.

Auch im Rothermundpark soll sich einiges tun, wie uns Hannah bei der Überquerung der Rosenbergstraße mitteilt. Immerhin ist hier etwas los – unter dem grünen Blätterdach liegt ein Stimmengewirr von Familien, Kindern und Jugendlichen, die den Spielplatz und die Skateranlage nutzen.

Der Weg führt uns am Landgraben entlang. Hannah freut sich, dass er gerade Wasser führt. Sie berichtet, dass der Graben und die kleine Brücke, die wir passieren, in den warmen Monaten ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche sind.

Dann kommen wir in den Bereich der Gartenheimsiedlung – und geraten ins Staunen. Hinter großzügigen Gärten liegen zweigeschossige Wohnhäuser mit Loggien und Sprossenfenstern. Es ist zu sehen, dass zu jeder Wohnung ein Gartenanteil gehört, und doch wirkt alles wie eine große geschlossene Gartenlandschaft mit schönen, individuellen Details. So kann man in Dresden wohnen, nah am Zentrum und Großen Garten? Ja, meint Hannah, aber eine Wartezeit von zehn Jahren sollte schon eingeplant werden. Die Häuser, an deren Rückseite wir entlanggehen, gehören zur Gartenheimsiedlung, die als Großsiedlung des Bauvereins Gartenheim in den 1920er Jahren entstanden ist und heute unter Denkmalschutz steht. Im Krieg wurde sie teilweise zerstört, im Wesentlichen wiederaufgebaut und in den 90er Jahren zunehmend vom Verfall bedroht. Bis 2003 wurde der Gebäudebestand saniert und gehört jetzt zur Wohnungsgenossenschaft „Aufbau“, der momentan größten Wohnungsgenossenschaft in Dresden. Immer noch staunend, biegen wir am Grabenwinkel ab und bekommen einen Eindruck vom Charakter der Siedlung, in der jedes bauliche Gestaltungselement stimmig ins Gesamtbild passt und sich das Grün der Gärten in den Außenanlagen der Straßen und Plätze fortsetzt.

Es ist schön hier in Gruna, dem „Ort in der grünen Aue“ – einem Stadtteil mit einer Bewohnerschaft, die hier gern zu Hause ist, sich gemeinsam für die Entwicklung und Stärkung ihres Wohnortes einsetzt und die Zukunft im Blick hat, in der es um die Stärkung des nachbarschaftlichen Miteinanders und die aktive Einflussnahme auf die weitere Entwicklung des Stadtteils geht.

Eins ist sicher: am ENDE ist hier gar nichts.

Stadtteilspaziergang in Gruna
09.09.2022 · Stadtteilspaziergang in Gruna
Grunaer Findlingsbrunnen

Dresdner Nachbarschaften
Damals, Heute, Morgen / Zuhören, Erinnern und Gestalten

In unseren Erzählcafés und Gesprächsrunden, Stadtteilrundgängen und Workshops wollen wir euch ermuntern, Geschichten zu erzählen und Visionen zu entwickeln.

Zeitraum
05-12.2022

Projektbeteiligte
Yvonn Spauschus (Projektleitung)
Anne Ibelings · Moussa Mbarek · Nadine Wölk (Workshopleitung)
Uta Rolland · Rosa Brockelt · Rosa Hauch (Moderation und Dokumentation)

Kooperationspartner:innen
JugendKunstschule Dresden · Omse e.V. · Löbtop e.V. · Quartiersmanagement Prohlis, Johannstadt und Gorbitz · Sigus e.V. · In Gruna leben e.V. · UFER-Projekte Dresden
e.V.

Gefördert durch

Das Projekt wird gefördert vom House of Resources Dresden+